Geduldsprobe

Leseprobe aus Band 3, Seite 14 und 15

Saul und sein ältester Sohn Jonatan saßen vor ihrem Zelt und warteten. Die Stimmung im Lager wurde immer schlechter. Schon sieben Tage warteten sie hier in der Nähe der Stadt Gilgal. Die Soldaten wurden unruhig, sie hatten Angst. Wieder einmal war es zu Streitigkeiten gekommen, und nun sollten sie mit ihrem kleinen Heer gegen die riesige Armee der Philister kämpfen. Tag für Tag wurden sie mutloser, und immer mehr von ihnen schlichen sich heimlich davon und flohen in die Berge oder Wälder. In Höhlen, Felsspalten oder ausgetrockneten Brunnen versteckten sich die Israeliten vor den Philistern.

Jonatan war inzwischen erwachsen geworden und ein mutiger Krieger. Aber nun war auch er aufgeregt. »Wann kommt denn endlich Samuel?«, fragte er. »Ich weiß es nicht«, seufzte sein Vater. »Er hat versprochen, in spätestens einer Woche hier zu sein. Nun ist die Woche vorbei, und Samuel ist immer noch nicht da. Vielleicht ist ihm etwas dazwischen gekommen. Oder er hat uns ganz einfach vergessen.« »Das glaube ich nicht!«, rief Jonatan. »Er hat doch gesagt, dass er kommen wird. Er wollte Gott hier ein Opfer bringen und ihn um Hilfe bitten, bevor wir in den Kampf ziehen. Ohne Gott können wir nicht kämpfen. Was sollen wir jetzt tun?«

»Wir müssen etwas unternehmen«, sagte Saul. »Wir können nicht ewig warten. Jeden Tag laufen uns mehr Soldaten davon. Sollen wir etwa warten, bis sie alle weg sind? Wenn Samuel nicht kommt, dann werde ich eben selber das Opfer bringen.« »Vater, das darfst du nicht!«, warnte Jonatan. »Das ist nicht richtig vor Gott.« Aber Saul erwiderte: »Schließlich bin ich der König. Und die Leute sollen sehen, dass etwas geschieht. Das Opfer wird sie beruhigen.« Jonatan schwieg. Wenn sein Vater sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es schwer, ihn davon abzubringen.

Kaum war das Opferfleisch verbrannt, kam Samuel. Saul ging ihm entgegen, um ihn zu begrüßen, doch Samuel sah den Rauch vom Altar aufsteigen und rief entsetzt: »Was hast du da getan!« »Die Leute begannen schon davonzulaufen, weil du nicht pünktlich zur abgemachten Zeit hier warst«, verteidigte sich Saul. »Und die Philister kommen immer näher. Da konnte ich doch nicht tatenlos zusehen!« »Du hast einen großen Fehler gemacht«, sagte Samuel. »Statt geduldig zu warten und Gottes Gebote zu beachten, hast du eigenmächtig gehandelt. Deine Angst war größer als dein Vertrauen.« Und traurig fügte er hinzu: »Hättest du Gott gehorcht, dann hätte er dir und deiner Familie für alle Zeiten die Königsherrschaft über Israel gegeben. Aber nun können deine Nachkommen nicht mehr Könige sein. Gott wird sich einen anderen aussuchen, der sein Volk führen soll.« Danach ging Samuel traurig nach Hause.

Als Saul seine Soldaten zählen ließ, waren es nur noch sechshundert Krieger. Mutlos und enttäuscht starrte er ins Leere. >Wie in aller Welt sollen wir mit so wenigen Leuten das viel größere Heer der Philister besiegen?<, grübelte er verzweifelt. Außerdem hatten die Israeliten keine guten Waffen, denn nur Jonatan und Saul besaßen Schwerter und Speere. Es gab nämlich in ganz Israel keinen Schmied mehr. Die Philister hatten diesen Beruf verboten, damit die Israeliten keine Waffen mehr herstellen konnten.

>Warum habe ich nicht auf Samuel gewartet?<, dachte Saul. >Nun habe ich alles verdorben! Ob Gott mich wohl endgültig verlassen hat? Wäre ich damals doch nicht auf die Suche nach der Eselinnen meines Vaters gegangen! Wäre ich bloß nie König geworden!<

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